Wie viele Sinne hat der Mensch?

Die Entfaltung der Sinne ist selbst ein Abenteuer. Wir erweitern die Abzählung und Aufzählung von Sinnesorganen und Sinnen mit den Versen von Kurt Schwitters (1887 – 1848) in dem Gedicht:
An Anna Blume „Oh, Du Geliebte meiner 27 Sinne, Ich liebe Dir.“

Wir laden Sie ein zur Entdeckung Ihrer 28 Sinne:

  • Tastsinn
  • Lebenssinn
  • Bewegungssinn
  • Gleichgewichtssinn
  • Geruchssinn
  • Geschmackssinn
  • Sehsinn
  • Wärmesinn
  • Gehörsinn
  • Wortsinn
  • Denksinn
  • Ichsinn

Und gehen wir einmal im Leben zu weit, dann siehst Du, wie es weitergeht, und findest — dort, jenseits der Sinne

  • Imagination
  • Inspiration
  • Intuition

Die Sprache spricht von:

Leicht(e)sinn, Schwersinn, Feinsinn, Eigensinn, Familiensinn, Sozialsinn, Harmoniesinn, Geschäftssinn, Zeitsinn und Uhrzeigersinn, Unsinn, Wahnsinn, Gegensinn, Starrsinn, Gefahrsinn, Sinn für Wahrheit (Wahrheitssinn), Geburtstagssinn, kosmischer Sinn.

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„Ich sagte ja vor längerer Zeit immer wieder, dass ja die äußere Wissenschaft von unseren Sinnen nur diejenigen betrachtet, für die im gröberen Sinne Organe vorhanden sind, wie der Sehsinn, der Gehörsinn und so weiter.


Diese Betrachtungsweise kann in einem tieferen Sinne deshalb nicht befriedigen, weil das Gebiet, das zum Beispiel das Sehen von unserer Erfahrung, von unserer Gesamterfahrung umfasst, ein ebenso abgegrenztes ist innerhalb der Gesamtsumme unserer Erlebnisse wie, sagen wir, die Wahrnehmung des fremden Ich oder die Wahrnehmung der Bedeutung von Worten.


… Wenn es auch zunächst schwieriger ist, für den Wortsinn ein menschliches Organ nachzuweisen als für den Tonsinn das Gehörorgan, so muss doch derjenige, der nun wirklich unser gesamtes Erfahrungsfeld analysieren kann, gewahr werden, dass wir innerhalb dieses Erfahrungsfeldes begrenzen müssen auf der einen Seite den Ton- und Lautsinn, den Klangsinn, und auf der anderen Seite den Wortsinn.


Und wiederum ein anderes ist es, innerhalb der Worte, innerhalb der Wortgestaltungen und innerhalb der Wortzusammenhänge, namentlich den Gedanken des anderen wahrzunehmen. Und wiederum müssen wir unterscheiden zwischen dem Wahrnehmen des Gedankens des anderen und dem eigentlichen Denken.“

{ Rudolf Steiner, Die zwölf Sinne des Menschen, Vortrag, Dornach, 22. Juli 1921 }

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Die Art und Weise, wie Rudolf Steiner vor 100 Jahren über das Thema „Sinne“ sprach, war in einer überraschenden Weise neu: die Erweiterung auf zwölf beziehungsweise dreizehn Sinne sowie ihre Anordnung und Ableitung aus dem höheren Menschen.

Wie musste es die Hörer in Erstaunen versetzen, zum ersten Mal von einem „Lebenssinn“, von einem „Eigenbewegungssinn“, von einer „Wortwahrnehmung“ und einem „Begriffswahrnehmungssinn“ zu hören?

Hugo Kükelhaus (1900 — 1984) hat die Sinneslehre von Rudolf Steiner studiert. In der Bibliothek seines Arbeitszimmers in Soest haben wir Bücher und Hefte mit seinen handschriftlichen Hervorhebungen, Anmerkungen und Kommentaren gefunden (z. B. Johannes Hemleben, Rudolf Steiner Monographie, 1963).

Die gemeinsame Wurzel von Rudolf Steiner und Hugo Kükelhaus waren Goethe und seine Methode, Wissenschaft zu betreiben (Goetheanismus). Hugo Kükelhaus sah in seinem Erfahrungsfeld vor allem einen Ort, um diese Methode kennenzulernen: „Fassen, Fühlen, Bilden“ oder „Hören und Sehen in Tätigkeit“. Eine gemeinsame Quelle für Kükelhaus und Steiner war Goethes Methode „Werdend betrachte!“

In einem Abschnitt zum Tastsinn zeigt sich die Nähe zu Rudolf Steiners Sinneslehre:

„Der Haut- (oder Tast-) Sinn ist der Sinn, der die anderen der Außenwelt zugeordneten Sinne aus sich heraus gliedert. (…) Äußere Pole in der Sinnesorganisation sind das Denken und der Hautsinn. Sie verhalten sich zueinander wie Scheitel und Sohle. Es gibt noch andere Sinnesglieder oberhalb des Hautsinnes, wenn ich diesen als untersten bezeichne, z. B. den Lagesinn, oder den Temperatursinn. Allerdings bleiben deren Wahrnehmungen unter der Schwelle des Bewusstseins, sind aber gleichsam Wurzelvorgänge für die oberen Sinne. Denn unterhalb des Denkens liegen auch noch andere Sinne, z. B. der Sinn für die Sprache.

{ Hugo Kükelhaus, 1956, DENNOCH HEUTE, S. 94 }

„Mach ein Organ aus Dir! Sei ein Organ der Welt!“

ruft Kükelhaus seinen Zuhörern in unzähligen und oft mehrstündigen Vorträgen zu.

Sinne = Richtkräfte

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Hildegard von Bingen „Die fünf Sinne“,

„Im Liber divinorum der Hildegard von Bingen (1230) bilden Sinne, Elemente und Kosmos eine Einheit. Auf Folio 88v der Luccheser Handschrift von 1230 sind die sinnlichen Modi mit den Gegenständen der Welt ungeschieden vereint: Die fünf Erdregionen gleichen den fünf Sinnen.

Das helle Feld im Osten entspricht dem Sehen, das zugleich dem Übernatürlichen offen ist. Gegenüber ist das Gehör angesiedelt, zugleich mit dem Westen verbunden und der Feuchtigkeit. Oben und unten sind entsprechend Süden und Norden dargestellt. Dem Süden entspricht die Hitze und dieser der Geruch, dem Norden entsprechen Kälte und Geschmack. Die Mitte stellt schließlich das Feste dar und symbolisiert den Tastsinn, der durch die angrenzenden Sinne gekräftigt und gemäßigt wird. Die Sinne sind offen für Einflüsse der Erd- wie der Himmelskräfte.

Joseph Beuys greift diese Entsprechungslehre — wenn auch in abgewandelter Form — wieder auf. In einer Zeichnung (undatiert) stellt er die Relation des Menschen zu Erd- und Himmelskräften her. Der Mensch verfügt im Gegensatz zu Fauna und Flora über alle Richtkräfte.

{ Franz-Joachim, Vespohl, Strategien zur Reaktivierung der Sinne, in: Joseph Beuys, Das Kapital, 1984, S.54 }



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